Berliner Morgenpost

Wie im richtigen Leben

Annette Kuss inszeniert ihre "Freudendienste" direkt im Bordell - so anrührend wie abgründig

Vorne an der Straße verspricht der Spielsalon Babylon das ganz große Glück: Mit Riesengewinnen lockt dubios blinkend das Laufband. Im Hinterhof gibt's Handfesteres fürs Geld. Keine Werbung, nur ein winziges Klingelschild: "Freudenhaus Hase". Es ist Samstagabend, Wedding, Hochstraße, kurz vor 21 Uhr. Die Nutten haben seit einer Stunde Feierabend. Auch im Puff gibt es geregelte Geschäftszeiten: Montag bis Freitag 10 bis 22 Uhr, Samstag 12 bis 20 Uhr. Das reicht: In Deutschland werden jährlich geschätzte 14 Milliarden Euro im Rotlichtmilieu umgesetzt. Regisseurin Annette Kuss hat genauer hingesehen und lädt in Zusammenarbeit mit dem Theater Hebbel am Ufer an den Ort der Sünde, ins Bordell.

Es ist eng unten am Empfang, aus dem Dunkel der oberen Etagen reichen die (Schauspieler-)Prostituierten Statements runter: "Der Job ist unheimlich bieder und langweilig" oder "na ja, vögeln kann doch jeder". So weit, so grundsätzlich, dann geht's ans Eingemachte. Das Freudenhaus Hase ist ein "Laufhaus": Die Kunden spazieren durch die drei Etagen und bleiben bei der Dame ihrer Wahl. Der Barkeeper (Laurens Walter) kommt runter und hilft uns bei der Entscheidung: Möchten Sie was Blondes (Anna Görgen), was Exotisches (Agnes Lampkin), was Dunkelhaariges (Verena Lercher)? Das Publikum verteilt sich. Wir fangen mal bei der Rothaarigen an (Claudia Steiger), die lädt in den zweiten Stock rechts. Ist richtig hübsch hier, geradezu gemütlich. Warme Orange-Töne, an der Wand hängt ein Kandinsky. In der Mitte ein großes rotes Bett, wir setzen uns vorsichtig auf die Kante, wer weiß, wer hier noch vor zwei Stunden .... Dann berichtet sie, wie das bei ihr so kam, damals, mit 29, wegen dieser Anzeige.

Es sind wahre Geschichten, die hier erzählt werden. Vom versauten Konsul, von einer, die aus Rache an ihrem Ex-Freund in vier Monaten mit 800 Männern schlief, von der Sehnsucht nach privatem Glück. Annette Kuss befragte 15 Sexdienstleisterinnen nach ihrem Alltag, entlockte ihnen bizarre Anekdoten und persönliche Träume und montierte die Original-Zitate mit Blasmusik (Philipp Danzeisen und Jason Liebert) zu einem ebenso anrührenden wie abgründigen Theaterabend. Ab und an schleicht durchs enge Treppenhaus ein Freier (Felix von Hugo), der die Sache aus seiner Sicht schildert und zusammen mit dem Barkeeper "100 nackte Weiber auf'm Männerpissoir" singt. Die Zuschauer schieben sich durch die Zimmer, die Mädchen bespielen das ganze Haus. Auf den Treppenabsätzen liegen Highheels, der Porzellan-Leopard oben trägt inzwischen eine rosa Plüsch-Vagina als Hütchen. Der Barkeeper raunt Preise: anal 25 Euro, 30 Minuten Sex 45 Euro.

Kurz: Es ist eine wahre Lust, hier mittendrin zu sein, denn Annette Kuss ist nicht nur dramaturgisch klug vorgegangen, ihr ist auch inhaltlich Bemerkenswertes gelungen: So frisch und frei geht's hier zur Sache, von Voyeurismus keine Spur und nicht einen Moment lang gibt Kuss ihre Protagonistinnen der Lächerlichkeit preis. Im Gegenteil, sie werden einem richtig sympathisch, die Damen. Aber Zeit ist Geld und nach knapp zwei Stunden ist Schluß. Wir rechnen mal kurz: Nach der aktuellen Preisliste hätte das, ein paar Extras inklusive, mindestens 150 Euro gekostet. Aber wir wollten ja nur reden. Das ist günstiger. Und viel aufregender.

Freudenhaus Hase, Hochstraße 45, Wedding. Karten (unbedingt vorbestellen), Tel.: 259 004 27. Nächste Termine: 21. und 29. Januar. Mindestalter: 18 Jahre

16. Januar 2006 Katrin Pauly