Berliner Zeitung I

Eine halbe Stunde kostet.

Annette Kuß ist zu den Huren gegangen. Heraus kam ein Theaterabend im Bordell

Aureliana SorrentoøÈiÏ Leinkauf,Thomas0 ðÑþûÿÿ ÿ |Sie ist eine, die von jetzt auf gleich eine Sache huckepack nimmt, und losprischt. Und dabei alles andere vergißt.

Eines Abends saß Annette Kuß in einer Theaterkantine. Über den Proben an ihrem vorigen Stück hatte sie den Termin versäumt, die Fördergelder für das nächste zu beantragen. Sie starrte, den Kopf tief gebeugt, in ihr Weinglas, und murmelte leise: "Was meinst du, soll ich es trotzdem machen?" Aber keiner hätte die Zeit gehabt, etwas zu entgegnen. Denn gleich reckte sie den Kopf, strahlte sämtliche Anwesenden und den ganzen schummrigen Raum an und sagte: "Ich mach das. Prosit!"

Auf ihrem Schreibtisch türmen sich jetzt die Geschichten. Stapelweise Blätter mit abgedruckten Interviews. In Nachtbars, in Bordellen, durch die Prostituierten-Vereinigung Hydra hat sie all die Lebensberichte gesammelt. Monatelang war Annette Kuß auf Recherche im Rotlichtmilieu. Hat Prostituierte, Puffbetreiber, Barkeeper und Freier nach ihrem Werktag, nach Trott, Muße, Motiven, nach Vorleben und Aussichten ausgefragt. Informationen zusammengetragen, Daten, Zahlen, wo sie sie nur finden konnte. Eine eigenartige Tätigkeit für eine Theaterregisseurin. Aber wehe, man bringt ihr einen solchen Einwand vor: "Ach, das Theater! Soll es etwa nichts mit dem Leben zu tun haben? Soll es der Elfenbeinturm sein, in dem man sich einsperrt?"

Es gebe ja genug Theaterleute, die sich nur mit ihren Theaterwelten beschäftigten, und nur von den Problemen der Menschen Notiz nähmen, die am Theater arbeiten. Völlig uninteressant! "Ich lebe ja auch in dieser Welt", sagt sie. Und zieht die langen, geschwungenen Augenbrauen zu spitzen Winkeln hoch. Diese Welt ist öder und bunter zugleich, als sie das Theater gewöhnlich erfasst.

Es war nach einem lustigen Theaterabend - ein nagelneues Stück über Ehe- und Beziehungs-Clinch in Zeiten des Krieges wurde gerade als Humoreske in der Schaubühne gegeben -, als sie das Café "Psst!" aufsuchte. Eine feuchtkalte Nacht, der Weg vom Kudamm zum Nachtlokal in der Brandenburger Straße, in Berlin als Anbahnungsgaststätte berühmt, kam ihr unendlich lang vor. Ewig nichts in Sicht außer Ampeln, Tankstellen und vorbeidonnernden Autos. Dann, unauffällig und wie verloren in der Eintönigkeit der Schnellstraße, taucht aus der Düsternis ein grell blinkendes Ladenschild auf. Im Inneren, einem schmalen Gang mit Stehtischchen gegenüber einem Bartresen, herrscht reger Betrieb. Unbeschäftigte Damen räkeln sich auf den Hockern, mit gelangweilten Blicken das Dämmerlicht durchforstend. Dass da Fremdlinge weiblichen Geschlechts nichts anderes als Störenfriede sein können, daran lassen ihre Mienen keine Zweifel. Fünf Minuten unbehaglicher Ungewissheit vergehen. Dann stürmt eine Frau auf die Fremde zu, reicht, freundlich lächelnd, die Hand und fragt umstandslos, was sie denn suchen würde. "Die Chefin", antwortet Annette Kuß.

Aber die Chefin ist nicht im Hause und die unverhoffte Gastgeberin ziemlich redselig. Sie trägt dezente Kleidung, keinen Nagellack, kaum Schminke. Wäre nicht das Blinzeln der Pupillen, die hin und her flitzen und nach Freier-Blicken fahnden, würde man sie mit einer Verwaltungsangestellten verwechseln. Immerzu explodieren die Berliner "k"s in ihrem Redefluss. Sie erzählt vom ersten Kundendienst, als sie sich übergeben musste, unvorsichtigerweise hatte sie davor gegessen. Von den Schulden, derentwegen sie eingestiegen sei in das älteste Gewerbe der Welt. Von den Preisen, die in Berlin abgesackt sind, es gäbe halt zu viele mittlerweile, die - aus Not oder Jux - auf Anschaffe gehen. Und sie hatte ein Studium angefangen, musste dann den Studiengang wechseln, weil die Profs von dem Job Wind gekriegt hatten. Ja, doch, sie studiere noch, aber ein anderes Fach. Ein Mauerblümchen sei sie früher gewesen, jetzt wisse sie, dass die Typen in Wahrheit auf das Äußere pfeifen. Na, ab und an habe man sogar guten Sex bei der Arbeit. Komme zwar selten vor, aber immerhin. Einen Kunden brauche sie jedenfalls noch an diesem Abend, die nächste Miete sei noch nicht drin. Harte Zeiten derweil. Hauptsache, sie schaffe es noch bis zur letzten S-Bahn.

An diesem Abend schnellten die Augenbrauen der Annette Kuß in die Höhe, dann flugs fiel die rechte herab, um sich waagerecht zu strecken. Ein Mienenspiel, das ihr eigen ist, Verwunderung, Skepsis, Einfühlung und Neugier mischen sich darin. Und das sich wiederholte, als sie die 19-Jährige traf, eine engelhaft schöne Abiturientin, ungemein klug, und ungemein "verkopft", wie sie selbst sagte. Eine, die ins Bordell gegangen war, um der Kontrolle ihrer alles allzu rasch einordnenden Vernunft zu entkommen.

Es gab dann noch die Frau, die als Mädchen auf den Strich ging in dem Wahn, damit an dem Geliebten, der sie sitzen gelassen hatte, Rache üben zu können. All die Geschichten lassen Annette Kuß nicht mehr los, obwohl sie sich bemüht, davon zu reden wie eine Reporterin, die sich ein Thema möglichst weit vom Leib hält, um es besser zu durchdringen. Freilich: Es wird wieder Theater sein. Die Sätze, die sie aus dem Interview-Haufen herausdestilliert und aneinander montiert hat, werden Schauspieler aussprechen. Sie dahinschmettern, auf dass sie auch jenen in die Knochen fahren, die immer noch so tun, als gehörten all die Bordelle und Strichmeilen und die eine Million Sexdienstleistungen, die in Deutschland pro Nacht erbracht werden, nicht zu ihrer Welt.

"Freudendienste" heißt das Stück. Es wird dennoch aus echten Sätzen echter Menschen bestehen. Von solchen, die ein wirkliches Leben führen, wirkliche Nöte erleiden. Auf dieses "wirklich" legt Annette Kuß Wert. Denn in ihrer Geschichte geht es, wie so oft, um die Umkehrung des ursprünglich Eigenen. "Solange ich mich erinnern kann, neigte ich schon immer dazu, mich in phantastischen Elfenbeinturmwelten aufzuhalten", gesteht die Regisseurin ein. In München als Professorentochter aufgewachsen, fühlte sich Annette Kuß nie wohl unter der bürgerlichen Glasglocke. Sie kam nach Berlin, um sich in die Wirrnis der Stadt zu stürzen, in eine Wirklichkeit, deren krasse Kontraste sich dem Versuch einer begrifflichen Einordnung immerzu entzogen. Studierte Literatur und Philosophie, nebenbei Kunstgeschichte und - sehr kurz - Theologie, machte gleichzeitig eine Tanzausbildung und schloss ihr Studium mit einer Arbeit über Wahrnehmung, Imagination und Sprache am Beispiel von Rainer Maria Rilke ab. Ob das auch eine Flucht vor dem Leben gewesen sei?

Jedenfalls habe sie den Widerspruch zwischen ihrer Phantasie und dem praktischen Leben, mit dem sie nicht immer klar kam, oft als schizophren empfunden. Als sie daraufhin ans Theater ging, setzte sie vorerst eine Collage aus Texten von Dichtern in Szene, die sie durch ihre Sprachgewalt bestrickt hatten. Später inszenierte sie "Alpenglühen" von Peter Turrini am Staatsschauspiel Hannover und "Tender Loops" nach Gertrude Stein am Schauspiel Nürnberg. Es folgten, unter anderem, Inszenierungen in Göttingen, Zürich, Oberhausen. 2003 führte sie mit Christoph Marthaler Coregie bei den Zürcher Festspielen. Aber je länger sie durch den Theaterbetrieb tingelte, desto stärker wurde die Neugier auf die Welt jenseits von Lesesaal, Bühnenraum und Theaterkantine. Am Schloßtheater Moers erarbeitete sie "Happy Hours": ihr erstes auf einer journalistischen Recherche basierendes Theater-Projekt. "Eiaskurre, Eiaskurre", im Dezember vergangenen Jahres am gleichen Theater uraufgeführt, war dann ein Ausflug in die zerbröselnden Gedächtnisräume demenzkranker Menschen, die Annette Kuß als Protagonisten und Darsteller zugleich in die Inszenierung einband. Nach Berlin zurückgekehrt, wollte sie eigentlich nichts weiter als einen entspannten Abend verbringen, als sie, gänzlich unerwartet, auf das "Freudendienste"-Projekt geriet.

Sie hatten nichts abgesprochen. Sie und der Freund, mit dem sie essen gegangen war. Auf dem Weg vom Restaurant zu einer Kneipe, in der sie noch einen Drink nehmen wollten, sahen sie auf der Straße des 17. Juni ein Straßenmädchen. Dem Freund fiel ein, dass er noch nie mit einer Prostituierten gesprochen hatte, und ihr schien es auch nicht abwegig, die Frau auszuforschen über das Thema, um das sich das Gespräch während des Abendessens rankte: den Boom von Seitensprungagenturen. Auf dem Rückweg fanden sie das Mädchen aber nicht mehr, beschlossen kurzerhand, in ein Taxi zu steigen und sich in ein Bordell kutschieren zu lassen.

Ins hinterste Moabit fuhr sie der Taxifahrer. Das erste Freudenhaus, das sie je betreten hat, war ein miefiger, düsterer Schuppen, in dem ein Häuflein Nachteulen vor seinen Biergläsern hing. Nichts, was man mit Erotik hätte in Verbindung bringen können. Nicht die Bardame, die, von den sonderlichen Besuchern recht amüsiert, für sie um eine Stange tanzte. Und auch nicht der Striptease, den eine andere, der sie in ein Zimmer folgten, extra für sie hinlegte. Eher verdattert denn angeregt schauten sich die Freunde die Show an. Aber Annette Kuß ging die Frage nicht mehr aus dem Kopf, worin der Reiz denn liege, auf dem das weltweite Prostitutionsgeschäft basiert.

Eine schlüssige Antwort hat sie auch heute noch nicht parat. Im Sexdienstleistungsgewerbe, hat sie herausgefunden, sind die Menschen genau so unterschiedlich wie überall sonst. Deshalb werden in ihrem Stück, das sie lieber Projekt nennt, die disparatesten Aussagen aufeinander prallen. Gespielt wird im Bordell, dem "Freudenhaus Hase", mitten im Wedding. "Wie det so ist" - nach der Wortwahl eines Straßenmädchens - kann der Theaterbesucher dort am besten erspüren. In den Zimmern liegen Plüschteppiche; orangene Vorhänge und aprikosenfarbene Wände sorgen für die Wohlfühlatmosphäre, die einem Kindergarten angemessen wäre. Der Laden hat um 22 Uhr Betriebsschluss, und wenn Annette Kuß eine halbe Stunde später dort auf die Probe geht, reißt sie zuallererst alle Fenster auf, um die entsetzlichen Gerüche aus den Räumen zu treiben. Manchmal steht noch die Puffmutter im Flur, den Staubsauger in der Hand, das Telefon ans Ohr geklemmt. Weit nach Dienstschluss verhandelt sie mit Kunden: "Eine halbe Stunde kostet ."


"Freudendienste". Ein Theaterabend von Annette Kuß. Premiere am 14. Januar 21 Uhr im Freudenhaus Hase, Hochstraße 45.

14.01.2006