Berliner Zeitung II

Die Huren haben leider Dienstschluss

Das Freudenhaus Hase liegt versteckt auf einem kahlen Weddinger Hinterhof. Steil ragen die Seitenflügel hinauf und geben ein viereckiges Stückchen Himmel frei. Neben einem Kellereingang qualmt und stinkt es. Jemand grillt sich in der Dunkelheit ein Stück Fleisch. Aus einem Fenster im Hochparterre linst ein alter Mann. Er hat das Licht in seiner Wohnung ausgeknipst. Wie ein böser Schatten beäugt er uns, die wir vor einem Türchen auf brüchigem Beton mit den Füßen scharren und hinauf starren zu den verheißungsvoll rotleuchtenden Fensterchen, hinter denen die Huren arbeiten.

Die Huren aber haben Dienstschluss für heute. Sie sind längst entschwebt. Ihre Gemächer wenigstens bleiben geöffnet für dreißig Leute, die das Theaterprojekt "Freudendienste" von Annette Kuß sehen wollen. Drinnen polstert ein dicker, roter Sisalteppich die Treppen. Zwischen altrosafarbenen Wänden und gedrechseltem Geländer drängeln wir uns auf den Stufen, plänkeln herum und knüpfen diese galgenhumorigen, kurzlebigen Zweckbekanntschaften, wie immer, wenn das Theater die Wirklichkeit besucht und wir unter Strapazen hinterher müssen. Bloß die Klaustrophobiker unter uns sind ganz still. Dann geht das Licht aus und das Theater los. Man hört Schauspielerstimmen Originalsätze aus Interviews mit Huren sprechen. Es sei ein Job wie jeder andere. Es sei, wie wenn man zum Zahnarzt geht und Geld dafür kriegt. Andere Frauen, die es ohne Geld täten, fühlten sich vielleicht genau so Scheiße.

Ab jetzt stapfen wir für anderthalb Stunden die Treppen des vierstöckigen Bordells hoch und runter. Wir sollen uns überall und immer neu verteilen. Es kommt zu einem Dauerstau, und ein Darsteller sagt, er könne den Orgasmus herauszögern, wenn er die Zehen krümme. In den Zimmerchen knien wir auf der Erde, versinken in Sesseln, klemmen auf Bettkanten und sind Nase an Nase mit sexy gekleideten Schauspielerinnen konfrontiert. In den rot-orange ausgekleideten Plüschidyllen wimmelt es von Lichterketten, Glitzervorhängen, Samtkissen, Schnörkelbetten, Kunstfelldecken, Spiegelwänden. Überall lagern Kleenex-Boxen, Hygiene-Spraydosen und Kondompackungen. Kondome sind das Hauptrequisit des Abends. Ein Schauspieler rennt als Freier mit einer Gießkanne herum und träufelt Nasses in die Pariser, die seine Kolleginnen dann zuknoten. Er habe mal mit zwei Prostituierten in der Badewanne gesessen. War das nicht bisschen eng?, fragt eine von uns. Das war ein Fehler, denn der Freier kann ja nicht antworten, weil er gar kein Freier ist, sondern sich ans Textbuch halten muss. Um das Konzept nicht zu sprengen, verurteilen wir uns selber zum Schweigen, machen demütig-milde Gesichter und schämen uns ein bisschen, wie eine Horde Touristen hier eingefallen zu sein.

Die Prostitution lebe von der Heimlichkeit, flüstern die Akteure im Chor. Genau! Das Theater hingegen lebt von der Öffentlichkeit, erkennen wir messerscharf das Problem der Veranstaltung, sind aber trotzdem dankbar für die Chance zur Ortsbegehung. Die spannenden Interviews können wir uns ja später mal in Ruhe durchlesen. Die Frauen reden vom grausamen Puff-Koller, von Koksern, die vier Stunden ohne Orgasmus ficken könnten und davon, dass es mit privaten Liebesbeziehungen schwierig sei.

Der Zuhälter-Darsteller wiegt Sperma ab und stapelt die glibberigen Kondome in Einweckgläser. Gegen Ende treibt er uns alle in ein Schmusekabuff. Jetzt kommen die harten Sachen zur Sprache. Zum Erstaunen ihres Besitzers sei eine Männerhand bis zum Unterarm in einer Hure verschwunden. Mit Kaviar ließe sich viel Geld verdienen, Kaviar heiße übersetzt Kot, und ein gewisser Konsul lege zwar zuerst sein Gebiss ab, verabschiede sich jedoch, nachdem die Hure sich in seinen Mund entleert habe, stets mit Handkuss. Die Schauspielerinnen stülpen sich Kondome über den Kopf und pusten. Die Latexteile platzen erst, als sie auf ein Meter lange, baumstammdicke Luftpenisse angewachsen sind. Da wir wie Ölsardinen aneinander kleben, kriegen wir zum Klatschen kaum die Hände hoch.

Das Freudenhaus Hase befindet sich in der Hochstraße 45, hat wochentags von 10 bis 22 Uhr, am Wochenende von 12 bis 20 Uhr geöffnet. Ein Quickie (15 Minuten) kostet 25 Euro, eine Stunde 75 Euro, ausführliches Angebot unter www.freudenhaus-hase.de.

16. Januar 2006 Katja Oskamp