BZ 13.02.07

Ein Artikel über uns in der BZ

Ein Wasser, ein Küsschen und meine erste Viertelstunde im Puff
Die große BZ-Serie über Berlins Bordelle. Heute das Laufhaus Hase im Wedding.

Von THOMAS BRUSSIG

Montag ist angeblich der Tag, an dem der größte Andrang in den Bordellen herrscht. Wenn sich nämlich alle Hoffnungen auf guten ehelichen Sex am Wochenende zerschlagen haben. Soweit die Theorie. Es ist Montagabend, 20.45 Uhr. Um 22 Uhr ist Feierabend im Laufhaus Hase. Warum ins Laufhaus? Im "Spiegel" habe ich mal ein Foto gesehen. Einzelne Männer streunten durch eine Passage, vorbei an Frauen, die wie in Glaskäfigen auf Hockern saßen. Eine stand mit verschränkten Armen im Türrahmen und rauchte, einer der Glaskäfige hatte zugezogene Gardinen. Im Laufhaus können Männer Frauen zwanglos ansprechen, weitergehen. . . Die Unverbindlichkeit ist für den Anfang genau das Richtige.

Ich parke meinen Wagen gegenüber dem Haus Hochstraße 45 und beobachte, was sich da tut. Ich bin schüchtern, ich darf das. Ich sehe nichts, was auf das Laufhaus hinweist. Die Fenster des vierstöckigen Vorderhauses sind dunkel wie nach einem Stromausfall.

Die Damen erwarten mich in Bikini und Korsage
Gehe in einen dunklen Hof. Die Fenster des Seitenflügels schimmern im Rotlicht. Ich muß klingeln, der Summer geht, und ich werde begrüßt von einer Dame, die ich, obwohl sie es ist, nicht als Puffmutter bezeichnen will, denn sie ist nicht dieser Hella-von-Sinnen-Typ. Sie ist klein und eher zierlich. Es gibt drei Etagen, erfahre ich - aber nur sechs Zimmer. Und: Die Damen haben jetzt auch alle Zeit.

Werde dann Zeuge einer Abschiedsszene: Petra verabschiedet sich von einem Mann, der wohl auch das erste Mal hier ist. Petra, nur mit Bikini bekleidet, will auf die Wange geküßt werden.

Das Laufhaus erweist sich als Treppen-hoch-und-runter-lauf-Haus, es hat nichts mit meinen Vorstellungen von einem Laufhaus zu tun. Also keine Passage, sondern ein enges, steiles Treppenhaus. Die Damen erwarten mich an den Türen. Bikini, Corsage, vielleicht ein leichtes Kleidchen . . . Ich sag mal überall Hallo, und die Damen nennen mir ihren Namen. Es gibt eine Alina, die mit slawischem Akzent spricht. War's Carmen, die mich nett anzwinkerte? Ich gehe weiter. Bis ganz nach oben. In Action-Filmen rennen die Getriebenen auch erst mal nach oben. Und oben passiert dann immer was.

Ein Quickie dauert 15 Minuten, kostet 25 Euro
Oben steht Kamila, eine Blondine, schlank, mit einem vollen Gesicht und weichen Zügen, und, ja, schönen Augen. Sie ist 28, sagt sie mir später; sieht aber jünger aus. Kamila trägt Bikini und Pumps. "Ist dir kalt?", frage ich, weil ich sie frösteln sehe. Man will ja locker sein. Wir kommen ins Gespräch, noch an ihrer Tür. Ich hisse gleich mal die weiße Fahne. Bin das erste Mal in einem, äh, nun ja, Bordell. Was erwartet mich denn nun, frage ich, und die richtige Antwort besteht natürlich in der Gegenfrage, die auch prompt kommt: Mit welchen Erwartungen bist du gekommen?

Vor lauter Verlegenheit zeigt sie mir die Preisliste. Ein Quickie dauert hier fünfzehn Minuten und kostet 25 EUR, fünf Minuten mehr dann schon knapp 30 EUR, die halbe Stunde 45 EUR und die ganze 75 EUR. Dann gibt's gewisse Extras, die ich alle überlese, weil ich sie schon aus dem Internet kenne und bezahle für eine Viertelstunde. Daß zwischen uns nichts laufen wird, muß ich ihr ja nicht auf die Nase binden. Kamila fragt mich, ob ich was trinken will - Cola, Fanta, Kaffee oder Mineralwasser sind im Preis inbegriffen. Ich bitte um ein Wasser, und sie macht sich mit ihren hochhackigen Schuhen auf den Weg nach unten.

Man hält mich hier für einen Priester
Ich wollte ins Laufhaus, um auf den Fluren auf- und abzuschlendern. Ich wollte eben nicht in so ein Zimmer. Jetzt bin ich in der Falle.

Das Zimmer ist winzig. Neben der Tür wacht eine Leoparden-Figur über das Radio, die Liege ist mit einer Decke im Leopardenmuster überzogen. Auf dem Heizkörper liegt ein Stapel mit sauberen Frotteetüchern. Ein Waschbecken ist in der hinteren Ecke, vorne ein Korbsessel und ein kleiner Tisch. Auf den stellt Kamila mein Wasserglas. Ab jetzt läuft die Zeit.

Sie ist nicht überrascht, daß ich mich inzwischen nicht ausgezogen habe. Sie fragt lachend, ob wir gemeinsam beten wollen. Ich weiß, mein Benehmen ist unmöglich: Geh in Puff und will nicht ficken. Überall auf der Welt wollen die Menschen geordnete Verhältnisse.

Ich sitze im Korbsessel. Sie legt sich auf die Liege. Das kann sie gut. Sie fragt mich nach meinem Beruf. Sie soll raten - "Priester". Sie lacht viel. Ist ja auch eine komische Situation. Was mir an ihr gefällt: Dass sie mich mit Respekt behandelt. Es ist ein professioneller Respekt, aber den hätte sie nicht, wenn sie mit dem, was sie tut, nicht im Reinen wäre. Wenn alle Huren wären wie Kamila, wäre Hure kein Schimpfwort.

Auf dem Hof sprechen mich zwei Männer an
Als sich unsere Blicke treffen, merke ich, daß sie schon versucht, mich zu verführen. Und das, obwohl ich bereits bezahlt habe. Finde es aber nicht unangenehm. Auch nicht, daß sie immer wieder an die Zeit erinnert: So eine Viertelstunde ist schnell rum.

Sie kam als Achtzehnjährige nach Deutschland, da war sie noch Schülerin. Sie hat eine dreijährige Ausbildung "im medizinischen Bereich" gemacht, und sie ist auch Mutter. Erst in Deutschland sei sie sexuell so aufgeschlossen geworden, an Sado-Maso, an Swingerclubs oder selbst an einen Dreier sei in Polen nicht zu denken. Was, kommen etwa auch Paare zu ihr, in dieses kleine Zimmer? Nein, sagt sie, privat, im Bekanntenkreis hatte sie das.

So vergeht die Viertelstunde und noch ein paar Minütchen mehr. Ich bemühe mich nochmals um einen gequälten Gesichtsausdruck, beteuere, daß ich noch nie in so einem Haus war und jetzt erst mal alles auf mich wirken lassen will - und dann vielleicht wiederkomme. Aber heute, nein, das krieg ich nicht hin.

Daß man sich hier mit Küßchen verabschiedet, habe ich bereits gesehen - insofern habe ich zumindest beim Abschied nicht das Gefühl, aus der Rolle zu fallen. Draußen auf dem dunklen Hof sprechen mich zwei Männer an. Wie ist das Ding? fragt der eine, der andere interessiert sich nur für die Preise. Die kann ich nennen, aber was sage ich sonst noch? Daß die Frauen auf den ersten Blick nicht mein Fall sind, nur oben ist eine, die ist ganz süß...

Sie gehen ins Haus, ich steige in mein Auto. Du mußt lockerer werden, denke ich.