Landsberger Tageblatt

«Freudendienste» - Theaterpremiere in Berliner Bordell

Berlin (dpa) - Für Kunden mit dem üblichen Ansinnen hatte das «Freudenhaus Hase», ein Bordell im rauen Berliner Wedding, am Samstag geschlossen. Stattdessen gab es dort eine Theateruraufführung: Das Hebbel am Ufer, das für ungewöhnliche Stücke bekannt ist, zeigte «Freudendienste», eine authentisch-kritische Reise ins Milieu der «Sexarbeiterinnen».

Dafür war Regisseurin Annette Kuss monatelang in der Berliner Szene unterwegs, führte mit 15 Huren Interviews und sprach auch mit Freiern. Schauspieler trugen die Texte in den Räumen des Bordells und im Treppenhaus vor. Die rund 30 Zuschauer - mehr passen nicht in das Hinterhofhaus - reagierten begeistert und nachdenklich auf das Stück, in dem es um den Rotlicht-Alltag und eine Auseinandersetzung mit den Klischees geht.

Besonders die weiblichen Besucherinnen schauen sich an diesem Abend neugierig um. Schließlich hatte wohl nur die Minderheit schon einmal ein Bordell von innen gesehen. Wie wird man zur Prostituierten? Ist es ein Job wie jeder andere? Wie fühlt man sich dabei? Wie berührt der Beruf das Privatleben? Das sind die Fragen, die Annette Kuss, die zuvor unter anderem mit Regisseur Christoph Marthaler zusammen gearbeitet hat, interessieren. Allein in Deutschland werden jährlich geschätzte 14 Milliarden Euro im Milieu umgesetzt, heißt es im Programmheft.

«Enscheiden Sie sich für eine der Damen», ermuntert ein «Zuhälter» im Treppenhaus. Dann kann der Zuschauer einen Raum und damit eine Geschichte auswählen, anfangs geht es um den Weg in die Prostitution. Man lauscht auf dem Bett oder steht direkt neben den Schauspielern. «Zeit ist um», ruft der «Zuhälter». Die Zuschauer wechseln den Raum. An einer Tafel stehen die Bordellpreise. Eine Viertelstunde Sex kostet 25 Euro. Alles wirkt gepflegt. Die Wände sind in warmen Rot- und Gelbtönen gehalten, Kissen stapeln sich auf den samtig bezogenen Betten, Spiegel hängen an den Wänden. In einem Zimmer verbreiten ein Porzellan-Leopard und Holzfiguren einen Hauch Exotik. Überall liegen Kondome, Sagrotan und Kleenex-Tücher.

Die jungen Schauspielerinnen (Anna Görgen, Agnes Lampkin, Verena Lercher und Claudia Steiger) sind unterschiedliche Frauentypen und alle in weiße Miniröcke und Oberteile gekleidet. Der Schwerpunkt liegt auf den Texten; die Inszenierung lebt davon, dass sie an den unverändert wirkenden Originalschauplätzen stattfindet. Geprobt wurde nach Betriebsschluss nach 22.00 Uhr, erzählt Annette Kuss später.

Regie und die Live-Musik sind relativ zurückhaltend. Ein Mann, der mit einer Kanne Wasser in Kondome gießt, symbolisiert den Akt. Einmal spielen die Darstellerinnen mit Plüschvaginas, dann quietschen die Frauen mit ihren Lackstiefeln. Mal trotzig, mal etwas schüchterner erzählen sie im Laufe des Stücks: «Wenn einer Leichen seziert, ist das ja auch nicht viel besser», «Ich mach' etwas, was keiner wissen darf» oder «Ich kann sehr schnell sehr viel Geld verdienen.» Die Zuschauer erfahren, was ein «Puff-Koller» oder «Falle schieben» ist.

Vieles ist schockierend oder stimmt traurig. Etwa die Episode vom 14 Jahre alten Sohn einer Hure, der einen Freier mit der Eisenstange schlagen wollte. Oder dass es für Prostituierte schwer ist, eine Beziehung zu führen. Gerade dass dieser Aspekt zur Wort kommt, hat Bordellbetreiberin Elke Hase gefallen. Sie steht nach der Premiere in ihrem Nadelstreifenanzug rauchend im Flur und sieht zufrieden aus. Ihr Haus, in dem sonst 20 Frauen arbeiten, stellt sie gern für die Theaterabende zur Verfügung. «Uns war es wichtig, dass Frau Kuss gut recherchiert hat.» Das hat sie. (Internet: www.hebbel-theater.de)